Wem kann man helfen – und wem nicht?
21. März 2010 | Kategorie: Hilfreiche Methoden | 5 comments
Welche Stufen der Veränderung gibt es?
Die obige Frage stellte man mir dieser Tage nach einem Vortrag. Ich fand die Frage spannend und gab darauf eine Antwort. Auf der Fahrt nach Hause dachte ich noch eine Weile darüber nach und merkte, dass mir zu der Frage noch ein paar Punkte kamen, die ich für wichtig halte.
Ich glaube, man kann zwei Stufen unterscheiden:
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Stufe 1: Unbewusste Inkompetenz:
“Hier weiß ich nicht, dass ich nicht weiß.”
In diesem Stadium leben die meisten Menschen, bzw. jeder von uns immer mal wieder. Es gibt zwar ein Problem, aber wir wissen nicht, dass es ein Problem gibt und wir weigern uns auch, uns zu vergewissern. Man verleugnet das ganze Thema.Solche Menschen sind beratungsresistent. Nicht dass Sie einen Rat nicht gut brauchen könnten, aber sie verweigern jede Nachfrage oder Unterstützung, da sie felsenfest davon überzeugt sind, dass alles in Ordnung ist bzw. sie es sowieso am besten wissen.
- Das sind Menschen, die trotz Risikofaktoren zu keiner Vorsorgeuntersuchung gehen (“Ich fühle mich gesund.”)
- Das ist der autoritäre Chef, der die hohe Fluktuationsquote in seiner Abteilung damit erklärt, dass es heutzutage nur noch Faulpelze gäbe.
- Einige Kirchenoberen hatten diese Position jahrzehntelang inne, wie jetzt bei den Mißbrauchsfällen herauskommt.
Solchen Menschen geht es meistens gut. Dafür leiden die Menschen in der Umgebung.
Konsequenz: Solchen Menschen kann man nicht helfen. -
Stufe 2 – Bewusste Inkompetenz:
“Hier weiß ich, dass ich etwas nicht weiß.”
Das ist die sokratische Position. Das ist schon etwas hoffnungsvoller. In diesem Stadium bemerken wir, dass etwas nicht klappt und dass es etwas mit uns und unserem mangelhaften Wissen zu tun hat. Ein sehr kreativer Zustand. Etwas Neues könnte jetzt entstehen.Eine freundliche Haltung dazu wäre: Neugier. “Interessant, ich weiß etwas nicht. Da gibt’s ja was zu lernen. Prima!”
Doch für viele ist dieser Zustand nicht leicht auszuhalten. Manche reagieren darauf mit Angst oder mit Scham und versuchen, ihre fehlende Informationslage zu verbergen oder den Grund dafür woanders zu suchen (“Das kann ja kein Mensch wissen!”)
Konsequenz: Solchen Menschen kann man prinzipiell helfen.
Man braucht aber noch einen expliziten Auftrag dazu. Das vergessen viele. Dass es jemandem schlecht geht, ist noch kein Auftrag! Das weiß jeder Polizist, der einen Selbstmörder vom Dach holen will. Oder jeder, der Kinder hat und merkt, dass den Sprössling etwas bedrückt: “Was ist los mit Dir?” Antwort: “Nichts.”
Mein Tipp: Helfen Sie nie ohne Auftrag!
Erstens klappt es nicht, denn spätestens, wenn Ihre Hilfe nichts fruchtet, werden Sie zu hören bekommen: “Ich habe Dich ja auch gar nicht um Hilfe gebeten.”
Zweitens: es ist ein Übergriff. Das mag subtil sein aber es bleibt ein Überschreiten einer Grenze, und das rächt sich meistens.Versuchen Sie erst, sich erst einen Auftrag zu holen.
Wie man das macht? Ganz einfach, durch entsprechende Fragen:
“Du siehst bedrückt aus. Möchtest Du darüber sprechen?”
“Sie machen auf mich den Eindruck als bräuchten Sie Hilfe. Kann das sein?”
“Sie haben anscheinend ein Problem. Kann ich Ihnen helfen?”
“Das stört Sie offensichtlich. Wollen Sie es denn wirklich verändern?”
Hat man sich einmal auf den Weg gemacht, etwas zu verändern, gibt es nach meiner Erfahrung auch zwei Stufen.
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Bewusste Kompetenz:
“Ich weiß, dass ich etwas weiß.”
Das ist auch keine einfache Position. Man weiß zwar, wie etwas geht, aber es geht einem noch nicht flott von der Hand.- Man kann das neue Klavierstück schon leidlich spielen aber es holpert noch.
- Ich weiß, dass es mit der Windows-Taste ein paar nützliche Tastaturbefehle gibt, aber ich vergesse sie immer wieder.
- Im Kommunikationskurs lernten Sie, wie sinnvoll Ich-Botschaften sind, um eigene Gefühle auszudrücken.
Jetzt heißt es: Üben, üben, üben.
Zum Glück geht das neue mit jedem Üben ein bisschen einfacher. Aber ungeduldige Menschen werden jetzt hart geknüpft. Denn möglicherweise sind die eigenen Ansprüche an den Lernfortschritt höher als das tatsächliche Ergebnis.
Manche geben jetzt auf. Das ist schade, denn bei genügend Übung wartet die höchste Stufe auf jeden von uns:
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Unbewusste Kompetenz
“Ich weiß nicht, dass ich etwas weiß.”
Das ist die bequemste Position. Ein Verhalten ist so „automatisiert“, dass Sie nicht mehr darüber nachdenken müssen, wie Sie es eigentlich tun. Sie können es einfach. Können es aber nicht erklären, wie Sie es eigentlich machen.- Erklären Sie mal, wie Sie von einem Stuhl aufstehen oder Fahrradfahren.
- Erklären Sie mal einem PC-Neuling, wie man in WORD eine Vorlage mit Silbentrennung und Fußzeile einrichtet.
Schwierig wird es, wenn man aus dieser Position der unbewussten Kompetenz jemand etwas erklären will, der noch auf der Stufe der bewussten Inkompetenz steht.
“Ich verstehe nicht, wie Du das jetzt nicht verstehst. Das ist doch kinderleicht!” ist dann so ein Satz, den man hören kann. Doch das hilft nichts. Derjenige mit der unbewussten Kompetenz muss sich zurück erinnern, wie schwer ihm damals diese ersten Schritte fielen.
Leider gilt diese Stufe der unbewussten Kompetenz auch für negative Verhaltensweisen.- Man verlegt immer wieder seine Lesebrille und weiß nicht, wie man das gemacht hat.
- Jemand fühlt sich beleidigt und der Passant liegt blutend am Boden. Doch der Schläger weiß nicht, wie das geschah.
In meinem Buch geht es ja primär um Veränderung. Der wichtigste Schritt dabei ist es, zu erkennen oder sich einzugestehen, dass das Problem, das wir erleben, auch etwas mit uns zu tun hat.
Wir erschaffen es mit. Durch unsere Erwartungen, dass etwas so und so laufen soll. Durch unsere Wünsche, wie etwas sein möge. Durch unsere Ansprüche an uns selbst, wie wir uns verhalten sollten.
Wenn wir uns selber helfen wollen, ist es notwendig zu erkennen, dass wir etwas nicht wissen.
Welche Erfahrungen haben Sie dazu gemacht?
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Fotos: © istock.com

Vielen Dank! Ihr Text hilft mir sehr weiter. Nur eine Frage: Gelten diese Stufen auch für Kinder und Jugendliche?
Hallo Her Lihs,
das kommt ganz darauf an. Schon Kinder ab sechs wehren sich ja, wenn man ihnen ungefragt zur Hand gehen will. “Selber machen!” ist dann oft die barsche Reaktion und das Feedback, dass man glaubte, helfen zu müssen.
Natürlich muss man manchmal bei Kindern und Jugendlichen eingreifen, vor allem wenn sie nicht volljährig sind und man noch einen Erziehungsauftrag hat. Aber auch da stößt man zuweilen an die Grenzen des Individuums. Fingerspitzengefühl und eine offene Kommunikation sind dann die besten Mittel.
Danke für Ihre Frage.
Ein toller Artikel, ich werde ihn gerne weiterempfehlen.
Bei der Akquise von Autohäusern erlebe ich alle Varianten. Ich denke, dass ein besseres Verständnis für den aktuellen Stand meines “Gegenübers” einen leichteren Zugang ermöglicht.
Das werde ich sofort testen.
Herbert Seeger
Hallo Herr Seeger,
an die Zielgruppe von Kunden oder Verkäufern hatte ich beim Schreiben des Artikels gar nicht gedacht. Aber Sie haben vollkommen Recht.
Aus meiner über zehnjährigen Erfahrung als Vertriebstrainer (u.a. für FIAT und Alfa Romeo) habe ich dazu auch viel erlebt. Schon die Verkäufer-Standardfrage, wenn er auf einen interessierten Kunden zugeht, ist ja ziemlich sinnfrei. Der Kunde hat kein Problem, sondern schaut sich um. Das Angebot “zu helfen” etabliert von vornherein eine Sozialarrbeits-Beziehung:” Du hast ein Problem und ich helfe Dir”. Aber der Problem hat vermutlich kein Problem, sondern er zeigt Interesse. Er hat vielleicht eine Frage, aber eine Frage ist noch kein Problem.
Insofern sind “fragende Kontaktaussagen” wie ich das nenne, sinnvoller und vermeiden die Oben-Unten-Beziehung. Solche Kontaktaussagen können sein: ” Tolles Auto, hm?” “Sie interessieren sich für den Kofferraum, hm?” etc. holen den Kunden da ab, wo er innerlich vermutlich ist. Vermutlich, deshalb ist das “hm” am Ende der Aussage wichtig. Es nagelt den Kunden nicht fest, er kann bestätigen oder meine Aussage korrigieren.
Wenn Sie Lust haben, schreiben Sie mir doch von Ihren Testergebnissen. Danke für Ihren Kommentar.
Hallo Herr Kopp-Wichmann,
besten Dank für Ihre Antwort. Heute habe ich bereits getestet und kann nur Positives berichten.
1. Die Gespräche laufen viel lockerer, meine “Aufgeschlossenheit” und Fokussierung auf meinen Gesprächspartner bewirken ein sympathischeres Gesprächs”klima”.
2. Es gelingt natürlich nicht, in diesem ersten kurzen Gespräch ein Umdenken einzuleiten. Ich weiss aber, an welchem wichtigen Punkt ich meinen Gesprächspartner sensibilisieren muss.
3. Über diesen Punkt kann ich nun den Gesprächspartner mit weiterem Infomaterial (z.B. Kopie eines Fachartikels) per E Mail ansprechen.
4. Alle 2 Wochen ein Artikel und nach spätestens 6 Wochen ein nächster persönlicher Besuch. Das müsste doch eine gute Chance sein!
Mal sehen, ob es Erfolg bringt.
Ich bin selbst sehr gespannt.
Viele Grüße aus dem frühlingshaften Schwabenland